Ausgrabung eines Massengrabs in Van Ercis Çavusoglu

 

Prof. Dr. Metin Özbek, der Untersuchungen im Gebiet vorgenommen hat, erzählt folgendes:

"Während der Ausschachtung des Fundaments eines Hauses in der Çavusoglu Scheune wurden durch einen großen Zufall Menschenskeletts gefunden, die ich für eine anthropologische Untersuchung in unser Labor in der Hacettepe Universität brachte. Bekanntlich kann die Anthropologie durch ihre Methoden und Techniken solide Aussagen über Todesalter, die Todesursache, Krankheiten und andere Informationen über Skelette machen. Ferner kann durch Untersuchung des Schädels die Rasse festgestellt werden. Bei der untersuchten Skelette war es nicht möglich, die Schädel und die Körperknochen zusammenzusetzen.

Deshalb wurde die Anzahl der Personen nach der Zahl der Schädel bestimmt und die Schädel wurden einzeln nummeriert. Jeder Schädel bekam so eine anthropologische Identität. Unter den Funden wurden 5 Frauen und 4 Männer identifiziert. Das wesentliche Kriterium zur Bestimmung des Todesalters der Personen ist der Symphysis pubis, ein Teil des Hüftknochens, der Symphysis pubis genannt wird. Bei 7 Personen war dieser Teil erhalten. Die Altersbestimmung der Skelette aus der Çavusoglu Scheune ist wie folgend:

Weiblich (P6) 17-18 Jahre alt Männlich (P7) 17-18 Jahre alt Weiblich (P4) 18-19 Jahre alt Weiblich (P3) 27-30 Jahre alt Männlich (P2) 35-40 Jahre alt Weiblich (P1) 39-44 Jahre alt Männlich (P5) ca. 50 Jahre alt Kind (D.1) ca. 15 Jahre alt

Die hier mit Alter und Geschlecht aufgeführter Skelette hatten eine interessante Gemeinsamkeit. Alle hatten im Schädel durch scharfe Gegenstände verursachte Schlagspuren. Es war offensichtlich, daß sie durch Folter ermordet wurden.

I. Schnittspuren am Schädel:

Nr. 1) Weiblich: Auf dem Schädel sind zwei Spalten vorhanden, die durch einen scharfen Gegenstand verursacht worden sind. Die erste befindet sich am rechten Scheitelbein und ist 4 mm lang. Die zweite befindet sich wieder am rechten Scheitelbein, am Hinterkopf und ist 36 mm lang. Es ist festzustellen, daß sie infolge der Hiebe, die auf das Gehirn trafen, am Tatort gestorben ist.

Nr. 2) Weiblich: Es wurden vier Schnittspuren auf dem Schädel festgestellt. Die erste befindet sich am linken Scheitelbein und ist 95 mm lang. Der scharfe Gegenstand drang durch den Schädel bis ins Gehirn. Die zweite Spalte befindet am Scheitelbein. Der scharfe Gegenstand (evt. eine Axt) traf von oben auf den Schädel und zerschmetterte ihn und auch mit großer Wahrscheinlichkeit das Gehirn. Ein solcher Hieb genügt, das Opfer auf der Stelle zu töten. Der dritte Hieb traf wieder auf das linke Scheitelbein, etwa 12 mm hinter der ersten Hiebstelle. Die Spalte ist 48 mm lang und 19 mm breit. Der Ausschnitt hat die Form eines Weberschiffchens. Der vierte Schlag auf den Schädel ist in der selben Richtung wie der dritte und liegt sofort hinter ihm. Die Hälfte der Spalte befindet sich an dem Hinterhauptsbein.

Nr. 3) Männlich (Abb. 2a): Dieser Schädel hat die meisten Schnittspuren. Der erste Hieb traf auf das linke Ohr, der scharfe Gegenstand riß den mastoiden Vorsprung vollständig ab und strich leicht am Hinterhauptsbein vorbei. Der zweite Schlag traf das linke Auge und hinterließ am Stirnbein eine tiefe Spur. Die 75 mm lange dritte Wunde wurde am linken Scheitelbein festgestellt. Der scharfe Gegenstand drang ins Gehirn und verursachte eine Spalte vom linken Scheitelbein bis zur Sutura lambdoidalis. (Abb. 2b) Durch die Wucht des Hiebes entstanden Risse am Schädel. Der vierte Hieb auf den Schädel schnitt in die sagitale Naht. Der Schnitt ist 48 mm lang. Der fünfte Schlag traf horizontal und brach das rechte Scheitelbein in der Nähe der sagitalen Naht ab. Der scharfe Gegenstand traf auch auf das linke Jochbein und schnitt in diesem Gebiet das Jochbein und einen Teil des Oberkiefers. Die Person wurde nachfolgend verbrannt.

Nr. 4) Männlich (Abb. 3): Auf das Gehirn wurden mit einem scharfen Gegenstand drei Schläge ausgeübt. Der erste traf senkrecht auf das rechte Scheitelbein und ist eine Schnittwunde von 37 mm Länge. Der zweite ist eine Spalte auf dem linken Scheitelbein und hat eine Schnittlänge von 92 mm. Der dritte traf wieder das linke Scheitelbein und verursachte eine 49 mm lange und 21 mm breite Spalte. Der scharfe Gegenstand hat die tabula Externa abgeschabt. Diese direkten Schläge auf den Kopf töteten die Person auf der Stelle. Auch diese Person wurde wie die letzte verbrannt.

Nr. 5) Weiblich (Abb. 4): Es wurden vier Schnittspuren am Schädel festgestellt. Die erste befindet sich am Stirnbein und ist eine nicht sehr tiefe Wunde mit 28 mm Länge. Die zweite befindet sich auf dem Schädel am Scheitelbein und ist eine 77 mm lange und ziemlich tiefe Wunde. Allein sie genügt die Frau auf der Stelle zu töten. Der dritte Hieb ist auch tödlich und traf auf das rechte Ohr. Er schnitt den mastoiden Vorsprung ganz und das Kondyl der Unterkiefer teilweise ab. Die vierte Schnittspur ist auf dem Oberkiefer rechts, im alveolaren Teil. Der scharfe Gegenstand schnitt nicht nur in den Knochen ein, sondern zerstörte auch die Krone des zweiten kleinen Eckzahns.

Nr. 6) Männlich (Abb 5): Ein Erwachsener mit vier Spalten auf dem Schädel. Die erste ist 57 mm lang und 14 mm breit, ziemlich tief und befindet sich am linken Scheitelbein. Hier drang der scharfe Gegenstand in das Gehirn ein. Vor der Spalte, auf der Seite der sagitalen Naht befindet sich eine Schnittspur mit 23 mm Länge. Die zweite Schlagspur ist am rechten Scheitelbein und in der Mitte der Sagitalnaht. Diese 29 mm lange und 28 mm breite Spur wird waagerecht von diagonal zwei separaten Spalten gekreuzt. Die erste davon ist 43 mm, und die zweite 42 mm lang. Der dritte Schlag traf auf das rechte Scheitelbein und befindet sich ein paar mm vor der Scheitelbeinöffnung und reicht diagonal weiter. Der vierte Schlag kam nicht von einem scharfen, sondern von einem spitzen Gegenstand und traf in die Nähe der Sagitalnaht des männlichen Schädels; wahrscheinlich wurde er auf dieser Weise gefoltert.

Nr. 7) Männlich (Abb 6): Es wurden auf diesen Schädel 5 separate Hiebe mit einem scharfen Gegenstand ausgeübt. Der erste traf auf die Zone das linken Ohr. Die Angriffswaffe schnitt den mastoiden Vorsprung ganz ab, sie schnitt sogar in die Wurzel des Jochbeins. Auf die Wurzel des linken Ohres trafen hintereinander zwei Hiebe. Die Person starb wegen dieser Hiebe sofort. Die zweite Schnittspur ist in der Nähe der Lambdanaht am rechten Scheitelbein. Die teilweise waagerechte Spalte ist 41 mm lang. Die dritte Schnittspur befindet sich zwischen den beiden Lambdanähten am Hinterhauptsbein und ist 44 mm lang. Die fünfte Schnittspur ist auf dem Hinterkopf und mißt 53 mm in Länge.

Nr. 8) Weiblich: Dieses Mädchen starb in ihrem etwa 15. Lebensjahr und hat drei Schnittspuren auf dem Schädel. Die erste befindet sich am rechten Scheitelbein, ist 50 mm lang und ragt tief in das Gehirn hinein. Die zweite Schnittspur steht rechteckig zur ersten und ist 20 mm lang. Die dritte Spalte befindet sich auf dem Hinterkopf. Dieses Mädchen wurde später auch verbrannt.

Nr. 9) Weiblich: Dieses Mädchen starb mit 17-19 Jahren. Auf den erhaltenen Teilen des Schädels befinden sich keine Schlagspuren. Ein wesentlicher Teil des Hinterhauptsbeins ist abgebrochen und verlorengegangen. Über die Todesursache kann keine Aussage gemacht werden.

II. Rassenbestimmung auf der Skelette:

Die Rasse kann durch den Schädel, durch Maß, Indiz und morphologische Beobachtung bestimmt werden. Jedoch ist nicht zu vergessen, daß in jeder Rasse Variationen vorhanden sind. Nach der Methode der Anthropometrietechnik wurden die Skeletts aus der Çavusoglu Scheune untersucht. Demnach wurden bei 8 Schädel die Schädelindizien, die Merkmale für die Rasse sind, berechnet. Die berechneten Werte sind zwischen 76 und 89. Somit waren vier Individuen in die mesozephale, die anderen in der brachizephale Gruppe einzustufen. Auf keinem Schädel wurde die dolickozephale Struktur gefunden. In Anatolien ist der Typ der Alpin Rasse sehr verbreitet und, wie bekannt, beinhaltet sie den brachizephale sowie den mesozephalen Typus. Außer einem einzigen gehören alle Skelette der Alpin Rasse an. Man kann behaupten, daß die anatolischen Türken überwiegend der Alpin Rasse angehören. Die 17-19 jährige junge Frau gehört nicht in diese Rasse. Sie gehört der armenoiden Variation der dinarischen Rasse an.

Bei der Betrachtung der Längen wurden die Regressiongleichungen von Trotter und Gleser verwendet. Bei drei Frauen wurden die Werte 152,9 cm, 159,2 cm und 168,2 cm berechnet. Bei den drei Männern wurden 170,1 cm, 172,4 cm und 173,5 cm berechnet.

Bei der Skelette in der Çavusoglu Scheune wurde ein Hemdenknopf, ein scharfes Eisenstück und ein Teil eines Oberkiefers gefunden. Nach den Angaben von Prof. Dr. Ilter Uzel von der Medizinischen Akademie Gülhane gehört das Fragment der oberen Totalprothese dem rechts hinteren Abschnitt an. Die Prothese ist aus Gummi und die Zähne aus Porzellan. Prothesen wurden zu Beginn 1900 von reichen Personen verwendet. Die Nikotinflecken auf der Prothese lassen vermuten, daß sie einem Mann gehört. Diese Art von Porzellan war zwischen 1915-1925 benutzt worden. Es gehört zu den Produkten der Firma SSN (USA). Damit wurde festgestellt, wann die Skelette gelebt haben könnten.

III. Die Wunden auf den langen Knochen:

Obwohl auf den Schädel sehr viele Schnittspuren gefunden worden sind, befinden sich an den Armen, Beinen oder an anderen Stellen des Körpers fast keine Spuren. Natürlich zielt man direkt auf den Schädel bzw. auf das Gehirn, wenn man jemanden töten möchte.

Am Oberarmbein eines Erwachsenen befinden sich 3 Schnittspuren. Am Knochen sind Brandspuren zu erkennen.

Am Schienbein einer Frau befindet sich auf der vorderen Seite eine tiefe Schnittwunde.

Am rechten Schienbein eines Mannes wurde in der Nähe des unteren Teils wieder eine ziemlich tiefe Schnittwunde festgestellt.

IV. Schlußfolgerung und Bewertung:

Die durch einen Zufall in der Çavusoglu Scheune (Bezirk Ercis) gefundenen und einer ausführlichen anthropologischen Untersuchung unterzogenen Skeletts gehören überwiegend jungen Personen, die gewissenhaft ermordet und teilweise auch verbrannt wurden. Der grausame Angriff und die Folter, der diese Personen, mit großer Wahrscheinlichkeit Türken, da es von vom Rassentypus vorwiegend Alpine sind, ausgesetzt waren, unterstützen die Aussagen von Augenzeugen. Es hat sich herausgestellt, daß nicht die Armenier, sondern die Türken in Massen ermordet wurden.

Prof. Dr. Metin ÖZBEK, Anthropologe